Der Fall der bröselnden Erinnerungen

Nr. 39

Der Fall der bröselnden Erinnerungen

Ich saß in meinem Sessel in der Baker Street, elegant unterfordert, und dachte mal wieder darüber nach, wie lächerlich simpel die Fälle meines Bruders sind. Sherlock jagt Mörder, Spione und schmuddelt in Zigarettenasche herum. Ganz entzückend, aber intellektuell eher der Sudoku-Leichtmodus.

Ich dagegen jage etwas, das wirklich zählt: das Gedächtnis. 🧠✨


Vor mir auf dem Schreibtisch lag ein Stapel Hirnzeugs: bunte Calcium-Kurven, Mäuse-Labyrinthe, Skizzen von Synapsen. Oben drauf: ein frisches Paper aus Nature Reviews Neuroscience mit dem Titel Astroengrams: rethinking the cellular substrate for memory“. Genau dieses Paper hat mich zu dem Fall inspiriert, den ich jetzt erzählen will,  einem Fall, in dem die Hauptverdächtigen keine Gangster sind, sondern Astrozyten, unsere sternförmigen Mitbewohner im Gehirn. 


Die bröselnden Erinnerungen


Mir saß mir ein typischer „SherlockMS-Patient“ gegenüber: früher wandelndes Gedächtnis, jetzt… löchrig wie ein Schweizer Käse:

  • Namen weg
  • Termine weg
  • warum er in die Küche gegangen ist; auch weg

Die üblichen Checks:

  • seine Nervenzellen sehen ordentlich aus
  • keine großen Schlaganfälle
  • kein dramatischer Verlust an Gehirngewebe

Mit anderen Worten: Für die klassische Neurologie eher langweilig. Für mich: ein Geschenk. Wenn das Offensichtliche nicht schuld ist, wird es spannend.


Was ist Gedächtnis überhaupt?


Für mich ist Gedächtnis die große Fallakte meines Lebens: Alles, was ich erlebt habe, wird irgendwo im Gehirn als Muster abgelegt.

  • Klassische Sicht: Nervenzellen feuern zusammen, verstärken ihre Verbindungen;  dieses gebündelte Aktivitätsmuster nennt man Engramm.
  • Wird das Engramm reaktiviert, taucht die Erinnerung wieder auf.

Das funktioniert ganz gut; aber das Paper auf meinem Tisch flüsterte mir zu „Lieber SherlockMS, du siehst nur die halbe Wahrheit.“ Und es hatte recht.


Die Sternzellen betreten die Bühne


Astrozyten, die Stern- und Stützzellen im Gehirn, wurden jahrzehntelang als „Putztruppe des Gehirns“ verkauft:

  • ein bisschen aufräumen
  • Ionenhaushalt stabil halten
  • Energie liefern

Klingt brav, ist es aber nicht. Diese Astrozyten oder Sternzellen

  • sitzen mit ihren feinen Fortsätzen an Tausenden von Synapsen gleichzeitig,
  • hören mit, wenn Nervenzellen funken,
  • antworten mit langsamen Calcium-Wellen

Und wenn etwas Wichtiges passiert wie ein Lernmoment, eine Belohnung, ein Schreck, dann leuchten bestimmte Astrozyten-Gruppen besonders auf. Genau da setzt das Konzept der sogenannten Astroengramme an:

Ein Astroengramm wird von einer Gruppe von Astrozyten gebildet, die während eines Lernereignisses aktiv ist, sich dauerhaft verändert und beim Erinnern wieder anspringt. Nicht nur die Nervenzellen bilden also ein Engramm – die Astrozyten bilden ihr eigenes, sternförmiges Gegenstück.


Der Patient und die verschwundene Astrozytenspur

 

Stell dir meinen gedanklichen Patienten im Gedächtnistest vor:

  1. Er lernt eine Liste mit Wörtern.
    • Nervenzellen feuern fröhlich, Verbindungen werden stärker
    • kurz danach kann er die Liste ganz gut wiedergeben
  2. Einige Stunden später:
    • große Erinnerungslücke

Wenn ich mir in meinem inneren Labor nun die Aktivität im Gehirn anschaue, sehe ich:

  • Bei Gesunden bilden sich beim Lernen zwei Spuren:
    • ein Nervenzell-Engramm
    • ein Astroengramm (bestimmte Sternzellen leuchten immer wieder gemeinsam)
  • Beim Erinnern springen beide Spuren wieder an; wie zwei Teams, die sich gegenseitig verstärken.

Bei meinem Patienten jedoch:

  • Das Nervenzell-Engramm ist da; wenn man direkt danach fragt, klappt es.
  • Das Astroengramm ist schwach, unscharf, kaum wiedererkennbar.

Es ist, als hätten die Nervenzellen den Text der Erinnerung schon geschrieben, aber die Astrozyten haben vergessen,

  • die Seite zu speichern,
  • ein Lesezeichen zu setzen
  • und sie in den richtigen Ordner zu heften.

Ergebnis: Die Erinnerung rutscht wieder aus dem System.


Warum Astroengramme so wichtig sind


Ich sehe das so:

  • Nervenzell-Engramm = der eigentliche Inhalt
    • „Ich habe Frau Müller im Café getroffen“
  • Astroengramm = die Infrastruktur dahinter
    • diese Synapsen bekommen mehr Energie
    • Botenstoffe werden fein reguliert
    • das Netzwerk wird leichter reaktivierbar

Ohne Astroengramm:

  • die Erinnerung ist kurz da,
  • aber sie hat keinen stabilen „Anker“.

Mit Astroengramm:

  • das Netzwerk weiß: „Das war wichtig!“
  • es wird immer wieder zuverlässig aktiviert,
  • selbst nach Tagen, Wochen, Jahren.

Die Astrozyten scheinen also so etwas wie die Archivleitung deines Gehirns zu sein:
Sie entscheiden, was in die „Langzeitablage WICHTIG“ kommt und was im Papierkorb landet.


Was mein Bruder nie zugeben würde…


Wenn Sherlock eine Geschichte erzählt, zitiert er stolz seine Indizien: Schlamm, Tabakasche, Schuhabdruck.

Wenn ich eine Geschichte erzähle, zitiere ich anderes Beweismaterial:

  • Calcium-Wellen in Astrozyten
  • veränderte Netzwerke beim Lernen
  • und Papers wie dieses über Astroengramme, das mich überhaupt erst auf diese elegante Doppelrolle von Neuronen und Astrozyten gebracht hat.

Für mich ist der Fall damit klar:

  • Gedächtnis ist Teamarbeit zwischen
    • schnellen, lauten Nervenzellen
    • und langsamen, strategischen Astrozyten.
  • Die Engramme der Neuronen sind der Text, die Astroengramme der Sternzellen sind das Layout, die Markierungen und die Langzeit-Stabilisierung.

Ohne Astrozyten wäre unser Gedächtnis wie ein Roman, der nie gedruckt, nur kurz auf einem flackernden Bildschirm angezeigt wird. Mit ihnen wird daraus ein Buch, das du immer wieder aus dem Regal ziehen kannst.

In diesem Sinne; wenn du dich das nächste Mal an etwas erinnerst, hat nicht nur dein Nervenzell-Club gute Arbeit geleistet, sondern auch eine stille Sternengruppe im Hintergrund:m deine Astroengramme.

Euer SherlockMS

Referenz